Montag, 22. Juli 2013

Tierführungen in der Botanika, Bremen

Ich werde gerade einem guten Vorsatz untreu, die Rundgänge in Thüle und Rosengarten erst einmal fertig zu stellen, bevor ich ein neues Thema anreiße. Aber wir waren ja in letzter Zeit häufiger an den Wochenenden in Bremens grüner Oase im Rhododendron-Park. Und davon möchte ich heute erzählen.

Die Sonderausstellung "Tropenwelt der Karibik" in der Botanika bietet jeden Samstag und Sonntag jeweils um 13 Uhr und 15:30 Uhr eine sogenannte Tierführung an. Die Filmtiertrainer der Firma "ZG Weseloh Events" aus Neu-Wulmstorf bringen den Besuchern ihre Schützlinge näher. Lehrreich für beide Seiten.

André Weseloh und sein Team haben viel Erfahrung. So achten sie genau auf den Moment, wenn das Tier erste Zeichen von Unbehagen oder Ermüdung zeigt. Ein Gähnen beim Nasenbären bedeutet, dass es dem Kerlchen zu warm wird. Dann ab zurück in sein ruhiges Gehege und eine andere Art vorgestellt.


Müsli
Der Star zur Zeit ist die 10 Wochen alte "Müsli" ("Wir waren gerade beim Frühstücken und fragten uns, wie die Kleine heißen soll. Das hatte ein Mitarbeiter nicht mitbekommen und fragte: <Was ist mit Müsli?> Tja, und seitdem heißt sie so.") Anne, ihre Ziehmutter, erklärt, warum die Handaufzucht notwendig ist. Zum Einsatz im Fernsehen, Filmen, Werbung oder auch mal einem Kindergeburtstag müssen die Tiere an Menschen gewöhnt sein. Das verhindert unnötigen Stress und schafft eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Gleichzeitig lernen die Trainer die Eigenarten ihrer Schützlinge genau kennen und wissen, wozu sie eingesetzt werden können. Nicht alle eignen sich für alles. 

Die Kleine soll später mit zwei weiteren Nasenbären, die ein Jahr älter sind, vergesellschaftet werden. Diese leben in einem dem Ausstellungsthema nachempfundenen Gehege auf dem Freigelände neben dem Mende-Haus. Immer wieder dürfen sich alle beschnuppern und kennen lernen. Es wird wohl nicht immer so friedlich zugehen, denn Nasenbären sind halt kleine Raubtiere und leben im Matriachat. Ob es den beiden Junggesellen wohl klar ist, dass die Kleine bald die Chefin im Ring sein wird? Spätere Nachzucht jedenfalls nicht ausgeschlossen.

Während dieser Erklärungen krabbelt Müsli munter auf dem (schon ziemlich zerkratzten Arm) von Anne, schnuppert in Nacken oder Ausschnitt oder knabbert am Finger. Dann ist sie soweit und wird auf der Hand ihrer Ersatzmama zum Streicheln unter Anleitung hochgehalten. Die Gruppe ist klein. Deshalb geht das heute auch. An einem Sonntag zuvor, war sie nur kurz zu sehen gewesen und danach hinter den Kulissen verschwunden. Neugierig schaut sie uns an und scheint die Streicheleinheiten und die Aufmerksamkeit zu genießen.

Nancy und Frankie
Dann geht es zu Nancy und Frankie - tatsächlich benannt nach Frank Sinatra und seiner Tochter. Zwischen diesen Beiden besteht aber keine Verwandschaft. Er ist ein Weißhauben-Kakadu und sie ein prächtiger hellroter Ara. Allein, dass diese Beiden so friedlich in einer Voliere zusammen leben ist nicht selbstverständlich. Normal würden hier die Fetzen fliegen. Ein Vorteil der vorsichtigen Gewöhnung an die menschliche Umgebung. Damit sie einerseits der Witterung nicht zu stark ausgesetzt sind und andererseits auch nicht ständig von allen Seiten angestarrt werden können, sind Reisigmatten um die Voliere gespannt.
Sammys Verwöhnprogramm

Beide fangen an die ersten Worte wie "Hallo" zu krächzen. Da ist Sammy (Davis jun., für Rat-Pack-Kenner), ebenfalls ein Weißhauben-Kakadu, der in den Wochen zuvor hier wohnte, ihnen schon ein großes Stück weiter. "Party, Party" ist sein Lieblingswort. Aber nur, wenn er gut gelaunt ist. Dann liebt er es von den Besuchern unterm Flügel gekrault zu werden. Ein wirklich sehenswerter Anblick!
Das Mende-Haus

"Müsli" ist müde und wir gehen ins Mende-Haus vor. Das Gewächshaus ist in diesen Tagen wirklich tropisch heiß feucht. Hier gedeihen Orchideen, Bromelien und sogar echte Vanille. Ein passendes Ambiente für die Verwandten der Vögel draußen. Wie André Weseloh gerne betont, sind das ja eigentlich nur befiederte Reptilien. Für "Jurassic Park"-Fans zwar ein alter Hut, aber nicht jedem bekannt. Vor allem Kinder bekommen große Augen.

Er ist noch neu hier
Fräulein "Rühr mich nicht an"
Als erster Vertreter diese Gruppe fällt die Nashorn-Leguan-Dame beim Hereinkommen ins Auge. Sie räkelt sich gerne auf ihrem Baumstamm. Am Samstag beäugte sie von dort kritisch das Männchen, das erst in dieser Woche dazugesetzt wurde. Sie wird bald paarungsbereit sein und vielleicht legt sie ja noch bis zum Ende der Ausstellung am 25. August Eier ab. Ihre Kinder sehen einer schönen Zukunft entgegen. Denn ZG steht für Zuchtgemeinschaft. Anne informiert locker und verständlich von den vorgeschriebenen Gehege-Größen und Voraussetzungen für eine Zuchtzulassung. Da in Europa so erfolgreich gearbeitet wird, wird inzwischen der Nachwuchs wieder ausgewildert und damit der Natur zurückgegeben.

Eine etwas unscheinbare Vitrine beherbergt dann wieder sehr kleine Schätze: Pfeilgiftfrösche, Rotkehlanolis und Baumsteigerfrösche. Ab und zu hat man Glück und die Amphibien hängen an der Scheibe oder präsentieren sich auf einem Blatt.

Thekla
Hier kommt meistens eine Dame namens "Thekla" zum Einsatz. Biene Maja Fans ahnen schon, was kommt. Manche Erwachsene wendet sich mit Grauen ab. Die Kinder sind ahnungslos. Großes Ah und Oh daher beim Auftauchen der Vogelspinne. "Die muss sich jeden Tag unter ihren Fußsohlen rasieren," scherzt André W. Sachkundig revidiert er das Bild aus Filmen wie "Arachnophobia" von der angriffslustigen Bodenbewohnerin. Von wegen: Das sind Lauerjäger. Nur die Männchen wandern in der Paarungszeit. Die Weibchen leben bis zu ihrem Tod dagegen in ihren Höhlen und bewachen ihre Brut. Der Biss einer Vogelspinne entspricht in etwa einem Insektenstich und nur, wer allergisch ist, hat etwas von ihr zu befürchten. Und eine Allergie kann sich erst nach einem solchen Kontakt entwickeln. Kein Grund also in Angstschweiß auszubrechen.

André Weseloh mit Thekla
Interessant ist es für mich die Kinder zu beobachten. Sie sind so auf das Geschehen rund um das braune Krabbeltier konzentriert, dass sie nicht mitbekommen, wie ihre Eltern das Gruseln bekommen. Sie lassen sich Thekla gerne auf die Hand oder auf den Kopf setzen. Wer hier hysterische Schreie erwartet, muss auf die Erwachsenen warten. Ich habe sie auch schon auf der Hand gehabt und fand es faszinierend. Gerade mal 10 Gramm, die sich auf acht behaarte Beine verteilen. Nur ein kleines Kribbeln als sie eine kurze Runde auf meinem Handrücken dreht und dann wieder zurück zu André klettert. War wohl nicht interessant genug.

Ist er nicht ein Prachtkerl?
Leguan Horst
Zum Abschluss kommt wieder ein Reptil. Entweder hat Horst, der grüne Leguan, gerade nichts anderes vor oder eine der Königspythons darf sich einen Kopf aussuchen, auf dem sie es sich gemütlich macht.

Wusstet ihr, dass Leguane von ihren Trainern ständig in Bewegung gehalten werden, weil sie so ein kurzes Gedächtnis haben? Damit Horst gar nicht erst auf den Gedanken kommt, seinen Schwanz im Gedränge einzusetzen, bekommt er alle 20 Sekunden eine neue Sicht auf die Dinge.

Die Pythons sind noch nicht ausgewachsen, werden aber gerade einmal 1,50 Meter lang. Im Gegensatz zu ihren tropischen Verwandten, zum Beispiel einer Anakonda, entspricht der Mensch nicht ihrem Beuteschema. Menschen riechen für sie nach Raubtier. Deshalb nehmen sie normal auch Reißaus. Hier haben sie aber keine Probleme mit dem Probesitzen auf Köpfen oder Gestreichelt werden.

Die rund halbstündigen Führungen enden dann vor dem hinteren Gehege der schwarzweißen Tejus. Horst ist hier Untermieter und hat sich letztens einen kräftigen Biss vom Männchen eingehandelt. Man könnte sie glatt William und Kate nennen, denn die Echsen erwarten Nachwuchs. In Sorge um die Eier kennen sie keinen Freund. Auch ihre menschlichen Pflege-Eltern müssen auf Abstand gehen. "Bisher ist es bei jeder Tierart so: Wenn Nachwuchs erwartet wird, ändert sich das Verhalten komplett."
Kurz nach dem Schlüpfen müssen die Tejus aber herausgenommen werden. Sie würden ihre Kinder, die wie Schildkröten nach dem Schlupf sofort selbständig sind, für Lebendfutter halten. Noch sind die Bestände in den europäischen Zuchten nicht so groß, dass auch hier an Auswilderung gedacht werden kann. Aber irgendwann wird es auch für die Tejus soweit sein. Und das wird dann auch für die ZG Weseloh Events ein Grund zum Feiern sein.
Für mich würde es schon reichen, endlich Eddie zu begegnen. Bisher haben wir den jungen Wolf leider immer verpasst.

Auch ohne Führung sind die Nasenbären, Hühner, Reptilien usw. noch bis zum Ende der Tropenwelt-Ausstellung zu sehen. Vorsicht bei den Nasenbären: Die lieben Kamera-Objektive und angeln mit ihren scharfen Krallen gerne einmal danach.

Die Führungen sind im Eintrittspreis (8 EUR/Erw.) enthalten. Für uns hat sich die Anschaffung der Jahreskarte (20 EUR/Erw.) schon gelohnt. Sie gilt 12 Monate nach Kauf und kann danach jeweils verlängert werden. Nach dem Vorzeigen bekommt man an der Kasse auch einen Teebeutel nach Wahl. Am Ende des Rundgangs durch das Entdeckerzentrum können wir uns damit in einem Pavillion eine Erfrischung genehmigen. 

Die Botanika gehört zu dem Großprojekt "Weltausstellung Hannover" und feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Natürlich sind die Rhododendren somit das Hauptthema. Es gibt aber auch ein paar Aquarien und Terrarien. Das Konzept ist inzwischen etwas von der Zeit überholt. So freut es uns, dass das Entdeckerzentrum im nächsten Jahr erweitert wird.



Wir nutzen nach der Botanika übrigens die Zeit noch für einen gemütlichen Spaziergang durch die Themengärten. Hier grünt und blüht es nach der Blüte der Rhododendren immer noch und es lässt sich vieles entdecken.



Unsere Fotoalben (Tierführung, Mönche, Botanika+Park, Park+Botanika) werden regelmäßig ergänzt. Lasst euch von dieser Bilderflut nicht abschrecken.

Ein interessantes Detail am Rande: Ganz in der Nähe im heutigen Achterdiek-Park stand zwischen 1961 und 1975 der Zoo Bremen.

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